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Demokratie rockt

Demokratie rockt

Selm Wie malt man eigentlich Meinungsfreiheit? Beim Projekt „Demokratie rockt“ lernen Neuntklässler die Werte der Demokratie spielerisch kennen. Doch nicht nur sie können etwas bei dem Projekt lernen.

Die Schüler der 9c der Otto-Hahn-Realschule stehen um ein Flipchart herum und dürfen träumen. Welche fünf Dinge würden sie verändern, wenn sie König von Deutschland wären? Eigentlich eine einfache Aufgabe. Doch der Haken lässt nicht lange auf sich warten: Alle in der Gruppe müssen mit den fünf Vorschlägen einverstanden sein. Gar nicht so einfach. „Man muss den anderen verklickern, dass sie auch dafür stimmen“, sagt zum Beispiel Leon. Cannabis legalisieren? Das wollen in dieser Gruppe nicht alle. Bei einer anderen Gruppe landet es direkt auf Platz 1 in der Liste.

Lehrstunde im Kompromisse machen

Eine Lehrstunde in Politik und Kompromisse machen ist das und genau das, wollte Heike Okray vom Team Jugendförderung mit dem Projekt „Demokratie rockt“ erreichen. „Demokratie ist nicht perfekt, aber es gibt immer Gestaltungsmöglichkeiten“, sagt Okray. Um das zu zeigen hat die Sozialpädagogin einen Parcours entworfen, den die Schüler gemeinsam mit Politikern aller im Selmer Rat vertretenen Parteien absolvieren. Dafür müssen die Mädchen und Jungen zum Beispiel bekannte Politiker ihrer Partei und ihrer Biografie zuordnen. Dabei gibt es auch Überraschungen. Zum Beispiel, dass SPD-Chef Martin Schulz Fußball spielt. „Wir wollen zeigen, dass Demokratie Bock macht“, sagt Okray. Der Demokratie-Lehrpfad ist das erste von drei Modulen des Projekts. Am Mittwoch lernen die Schüler mehr über Radikalisierung von einem Salafismus-Experten, am Donnerstag werden sie mit der Band Sons of Gastarbeita musizieren. Das Projekt findet zum ersten Mal statt und wurde vom Kommunalen Integrationszentrum im Kreis Unna gesponsert.

Infos aus dem Fernsehen

War das Interesse für die Politik auch vorher schon bei den Schülern vorhanden? „Ich möchte wissen, wer das Land regiert“, sagt zum Beispiel Annalena. Sie guckt Nachrichten, sagt sie. „Zum Beispiel morgens das Sat-1-Frühstücksfernsehen.“ Kimberly schaut Nachrichten bei RTL II, weil sie wissen will, was in Deutschland passiert. Zu den abgebrochenen Jamaika-Verhandlungen wollen die Schüler trotzdem lieber keine Stellung beziehen. Daniel interessiert sich nicht so sehr für Politik. Trotzdem hat er Wünsche: „Die AfD soll nicht regieren“, und auch Krieg möchte er nicht. „Die Kinder haben konkrete Ideen und Wünsche“, sagt Politiker Philipp Schock von den Grünen in Selm, der sich gerade anschaut, wie seine Gruppe ein Bild zum Thema Meinungsfreiheit malt. „Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder nicht wissen, was genau Demokratie eigentlich ist, man muss sie dazu bringen, dass sie sich etwas unter den Begriffen vorstellen“. Und dafür ist die Malstation eine gute Möglichkeit. „es geht darum, nicht nur alles abzunicken, sondern mitzureden.“ Auch Hubert Seier von der UWG in Selm findet das Projekt gut. „Es ist was anderes als Politik-Unterricht“, schwärmt er.

Wichtige Lehrstunde

Außerdem wolle er sich dafür einsetzten, dass es das Projekt weiter gibt. Einziger Kritikpunkt: „Bei der Aufgabe zu den Gesetzen hatte ich gedacht, dass noch mehr Input von den Schülern kommt.“ Thomas Orlowski von der SPD in Selm hat diese Aufgabe ebenfalls mit viel Interesse verfolgt. „Es ist interessant, dass die Jugendlichen besonders ihre eigenen Interessen nach vorne gebracht haben“, sagt er, aber das sei okay. So waren die paar Stunden Demokratie-Lehrpfad auch für die Politiker eine wichtige Lehrstunde in Sachen Jugendverständnis. Wer einen Blick auf das Flipchart wirft, bekommt einen ganz guten Einblick in die Wünsche der Neuntklässler. „Auto fahren ab 16“, „kostenlose Bildung“, „Gleichberechtigung“ oder „kostenlose Tickets für den Öffentlichen Nahverkehr“ stehen dort. Diese Vorschläge wurden einstimmig angenommen.
Quelle: RN.de vom 21.11.2017 - Von Sabine Geschwinder

Eintrag vom: 21.11.2017