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Eine halbe Stunde Hilfe - Sie haben Frühschicht auf der Ludgeristraße: Achtklässler stehen morgens als Schülerlotsen bereit

Eine halbe Stunde Hilfe - Sie haben Frühschicht auf der Ludgeristraße: Achtklässler stehen morgens als Schülerlotsen bereit

SELM. 7.04 Uhr. Es ist dunkel und still vor dem Gasthaus Suer an der Ludgeristraße. Über diesen Zebrastreifen werden im Laufe der nächsten 55 Minuten 210 Fahrzeuge fahren: 160 Autos, neun Busse, zwei Roller, 40 Fahrräder. Und zwei  Schüler bändigen sie.

Um 7.15 Uhr nehmen sie ihre Schicht auf. Das ist eine Viertelstunde früher als sonst. Damit wir uns unterhalten können. Lars Wloch kommt mit dem Rad, stellt es vor dem Geschäft an der Ecke ab. Er ist dunkel gekleidet. Das ändert sich eine Viertelstunde später.

„Ich stehe immer früh auf“, sagt er. Es sei kein Problem gewesen, eher zu kommen. Trotzdem danken wir und kommen ins Gespräch. Lars ist in der achten Klasse der Otto-Hahn-Realschule, hier ein wenig die Südkirchener Straße rauf. Seit dem Sommer hat er sich der Schülerlotsen-AG angeschlossen. Warum?„Ich mach das gerne“, sagt er. Die Achtklässler sind dafür verantwortlich. Etwa 20 seien in der AG. So komme jeder ungefähr einmal im Monat an die Reihe.

Lars Wloch ist zum dritten Mal dran. Er erzählt, dass es am Anfang eine Schulung gab. Dabei haben sie den Ort im Kern der Altstadt zusammen mit einem Polizisten aufgesucht. Dann haben sie geübt, wie man sich als Schülerlotse verhält. Er hat ihnen Tipps gegeben.

Es ist noch still, um 7.20 Uhr ist an dieser Stelle noch kein Betrieb. Es fahren Autos durch, aber zu Fuß oder auf dem Rad begegnet man hier niemandem. Die Schüler müssen erst um 8 Uhr in der Schule sein – bis dahin ist noch Zeit. Einer kommt angeradelt – es ist Niko Lobe. Er hat heute zusammen mit Lars Dienst. „Hallo“, sagt er, parkt das Rad neben dem von Lars und stellt sich vor.

Ist es hier gefährlich?

Wir reden noch so darüber, ob sie die Stelle hier gefährlich finden. Nein, sagen beide, eigentlich nicht. Aber Lars sagt: „Manchmal merkt man, dass die Busfahrer einen sehr engen Zeitplan haben, so wie sie hier fahren.“ Der erste Bus kommt um kurz vor halb 8. „Ich glaube, der fährt nach Olfen“, sagt Lars. Zur Gesamtschule. In gemäßigtem Tempo, wie es sich hier gehört. Mehr als 30 ist hier nicht erlaubt.

Lars greift in seinen Rucksack und zieht eine hellgelbe Warnweste heraus, die Reflektorstreifen hat und die Aufschrift Verkehrshelfer trägt. Er streift sie über, Niko tut dasselbe, und zückt noch eine Kelle. „Die Sachen geben wir dann in der Schule immer an den nächsten Schülerlotsen ab, der morgen hier steht“, sagt Lars. Die Arbeit läuft also von selbst; ein Lehrer, ein Erwachsener muss sich nicht kümmern.

7.36 Uhr: Jetzt kommen tatsächlich die ersten Passanten. Lars hat sich auf die eine Seite der Straße gestellt und lehnt am Pfeiler des Schildes, das den Fußgängerüberweg anzeigt. Auf der anderen Seite steht Niko. Aus der Gasse gegenüber von Suer kommt ein Kind auf dem Fahrrad. Niko hält die Kelle raus, tritt auf die Straße, Lars auch. Sie stehen da, das Kind radelt rüber. Ein Auto war nicht in der Nähe – das hätte das Mädchen auch so geschafft.

„Wir stehen hier vor allem für die Ludgerischule“, erzählt Lars. Die Grundschule um die Ecke zeichne am Ende eines Schuljahres immer die Lotsen mit Urkunden aus. Und einem Eis-Gutschein. Darauf freue er sich schon, sagt er. Die Schüler seiner Schule, die seien schon groß. Die kämen auch so klar.

Dann bleibt nicht mehr so viel Zeit zum Reden. Denn der Schülerverkehr nimmt zu. Jetzt kommen sie: auf Rädern, zu Fuß, mit ihren Eltern, allein. Immer treten Lars und Niko auf die Straße und halten die Kelle hin. Manchmal bleiben sie länger dort stehen, wenn weitere Kinder in Sicht sind. Und ihr Job wirkt: Selbst Radfahrer warten geduldig, wenn die Lotsen die Kelle hinhalten. Einmal wächst die Autoschlange auf sieben Fahrzeuge nach links und vier nach rechts an.

Zuspätkommen ist erlaubt

7.52 Uhr: Die Stunde neigt sich dem Ende zu. „Wir müssen auch gleich los“, sagt Lars. Er dürfe an diesem Tag etwas zu spät in den Unterricht kommen. „Meine Lehrer wissen das ja“, erzählt er. Aber er werde doch gleich aufbrechen. Vorher kommt aber noch ein Schwung Schüler. „Niko“, ruft Lars rüber. Dann sperren sie ab. Ein Auto bremst stark und knapp vor Lars ab. Ein Vater mit seinem Sohn, der rechts zur Schule abbiegen wollte. „Mann, der hat’s wohl eilig“, sagt Lars. Er zieht die Kelle ein, geht zwei Schritte zurück und lässt das Auto weiter fahren. Sie schauen sich noch einmal um; langsam wird es hell. Ihr Dienst ist beendet.

RN vom 06.12.2014;Tobias Weckenbrock

Eintrag vom: 08.01.2015