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Rückblick - Satire - Gedanken einer ehemaligen Schülerin

Rückblick - Satire - Gedanken einer ehemaligen Schülerin

Wenn man mich fragte, welcher Tag der Schlimmste der Woche ist, so würde ich wohl antworten: Montag. Obwohl, wenn ich es recht bedenke beginnt das Montags-Gefühl bereits am späten Sonntagnachmittag und verhagelt einem gründlich die Laune, schon ganz allein weil man weiß, dass am nächsten Tag wieder früh aufstehen angesagt ist.

Dass ich nicht gerade zu jenen beneidenswerten Menschen gehöre, die ohne Wecker um sechs Uhr in der Früh aufwachen und frisch wie der junge Frühling den Tag mit einem Vitalis-Multifrucht-Knuspermüsli beginnen, während ihre Katze neben ihnen Whiskas mampfend einen „sanften Start in den Tag“ durchläuft, hilft nicht wirklich: Ich bin Langschläfer und patentierter Morgenmuffel. Bevor ich mich morgens irgendwann kurz vor knapp unter die Dusche schleppen kann, verprügele ich im regelmäßigen Rhythmus von neun Minuten meinen Wecker auf der blinden Suche nach der Snooze-Taste, damit das gottverdammte schrille Piepsen, das sich wie zehn Zentimeter lange akustische Nägel in meinen Kopf bohrt, endlich aufhört.

Manchmal glaube ich, dass meine mangelnde Vitalität und der zur Gänze fehlende Elan vor zehn Uhr schlechte Omen sind. Ich meine, jetzt bin ich noch jung, süße sechzehn, wie es meine Mutter ausdrückt. Aber wie soll das denn bitte aussehen, wenn ich älter bin? Wenn ich später einen Job habe (und ihn behalten will) kann ich schließlich nicht einfach sagen: „Ach, na ja, bleib ich heute halt zuhause.“ Nicht, dass ich andeuten will, dass das in der Schule der Fall sei, aber das wird sich kein Chef der Welt gefallen lassen. Und die meisten Jobs fangen nun mal morgens an – also was soll ich werden? Nachtwächter? Profihypochonder?

Das sind Fragen, die ich mir früher oder später werde stellen müssen und demnach persönliche Missstände, an denen ich wohl arbeiten sollte. Doch damit befasse ich mich irgendwann anders ausführlicher, am besten zu einem Zeitpunkt, bei dem ich nicht in der chronischen Gefahr schwebe, vom anwesenden Mitglied des Lehrkörpers beim Tagträumen erwischt zu werden – so wie jetzt. Ich denke die Chancen stehen nicht so besonders gut, dass man mir die Tatsache, dass ich über potentiell wichtige Dinge, die Einfluss auf meine Zukunft haben könnten, nachsinne, zum Einen überhaupt abnimmt und zum Anderen auch noch als Ausrede für definitive geistige Abwesenheit durchgehen lässt, zumal ich als Schüler eigentlich an den Lippen des Lehrers zu hängen und sämtliche Informationen restlos in mich aufzusaugen habe wie ein menschlicher Tafelschwamm.

Bemüht, meinen Blick auf einen existenten Punkt im Klassenzimmer zu richten, um nicht letztendlich doch aufgrund eines leeren Tunnelblicks, geradewegs durch die Wand hindurch ins Nichts gerichtet, aufzufallen, springen mir die beiden Sätze, die wohl in jedem einzelnen Klassenraum der Schule eingerahmt und aufgehängt wurden, ins Gesicht:

>Jeder Schüler hat das Recht auf ungestörten Unterricht. Jeder Lehrer hat das Recht ungestört zu unterrichten.<

Aber sicher. Wessen Worte das auch immer sind, mögen sie ihren Weg in Gottes Gehörgang finden. Natürlich gibt es sowohl Lehrer als auch Schüler, die sich dieses Prinzip, das ja grundsätzlich durchaus erstrebenswert ist, zu Herzen nehmen. Diejenigen in der Schülerschaft, die es nicht wirklich tun, machen keinen überraschend kleinen Anteil aus und sind deshalb insgesamt weit weniger interessant als die verhältnismäßig wenigen, aber dafür umso einprägsameren Ausnahmen innerhalb des Lehrerkollegiums.
Da gibt es zum Einen jene, die vor den Schülern „locker“ und „cool“ wirken wollen, die sich entspannter geben als angemessen und den Stoff dementsprechend nachdruckslos durchnehmen. Ein Schüler spricht beim Antworten in einer Fremdsprache eine Vokabel völlig falsch aus: Kein Thema, wozu korrigieren? Es sind neunzig Minuten für den Unterricht vorgesehen – die Schüler freuen sich, quasi die Hälfte der Zeit zur mehr oder weniger freien Verfügung zu haben. Zwischendurch wird dann noch ein bisschen Smalltalk angezettelt und stolz von dem „lauten Rockkonzert“, das am Wochenende besucht wurde, berichtet – ja, so lässt sich die Zeit äußerst sinnvoll rumkriegen.

Im Kontrast zu diesem übermäßig kontaktfreudigen Typ steht Beispiel Nummer zwei:

Wenn Lehrer Probleme haben, sich durchzusetzen, sollten sie dringend daran arbeiten. Wenn sie auf direktem Weg von Schülern einschüchtern lassen, haben sie definitiv den falschen Beruf gewählt. Kaum ein pubertärer Halbstarker wird sich von jemandem, der autoritär wie eine Blutorange vor der Klasse steht und Arbeitsaufträge in einer „Es-wäre-wirklich-nett-von-euch-wenn-ihr-das-erledigen-würdet“-Manier vor sich hin nuschelt, Anweisungen geben lassen. Und diejenigen unter den anwesenden Schülern, die eine bessere Kinderstube genossen und einen gewissen Grad an Höflichkeit anerzogen bekommen haben, werden es zwar nicht zeigen, jedoch innerlich philosophieren, ob der Lehrer seine Pausen nicht in Embryonalhaltung unter seinem Pult verbringt oder auch ein Müsli aus Antidepressiva und Beruhigungsmitteln frühstückt, um nicht zu kollabieren.

Mein weiß einfach nicht, ob man lachen oder vor lauter Mitleid weinen soll.

Insgesamt sehr interessant zu beobachten sind auch Lehrkräfte, die mit einem Übereifer an alle möglichen Dinge herangehen, dass weder Außenstehende noch sie selbst sich bremsen können. Solch überenthusiastische Hupfdohlen haben gerade aufgrund dieses Charakterzuges häufig das Talent, sich selbst zu viel aufzubürden und jegliche vorherige Organisation durch mangelnde Absprache und dadurch, dass sie letztendlich mit der Situation vollkommen überfordert sind, ins reine Chaos zu stürzen. Womit sie jedoch nicht nur sich selbst das Leben unnötig schwer machen, sondern auch die Nerven (un-)freiwilliger Mitarbeiter auf eine harte Zerreißprobe stellen, auf dass diese sich das nächste Mal wohl eher zweimal überlegen, ob sie wirklich mitwirken wollen.
Distanziert betrachtet muss man zugeben, dass die beschrieben Fälle eigentlich nur bedingt unterhaltsam sind – in erster Linie also, wenn man nicht selbst betroffen ist.

Aber so viel zu dem Thema.

Das Ding-Dang-Dong der Schulglocke reißt mich aus meinen Gedanken. Verdammt, habe ich mich nicht eigentlich konzentrieren wollen, wenigstens ein kleines bisschen? Na, Jackpot! Hoffentlich fragt mich ja niemand, was in dieser Stunde dran war – ich habe nicht den blassesten Schimmer. Irgendwie ärgert mich diese Tatsache ohne Ende... und das bringt einen unerwartet Vorteil mit sich: Es ist halb zehn und ich bin richtig wach. Ein halbe Stunde vor der üblichen Zeit, was zwar nicht wirklich was nützt, derweil wir jetzt Pause haben, aber egal:

Erste Erfolge stellen sich ein.

Nadine Diroll - 2011

Eintrag vom: 31.12.2011